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Gastbeitrag: Interview mit Anselm Bilgri

Führungskräfte müssen lernen, für sich zu sorgen

Anselm Bilgri ist Management-Berater, ehemaliger Mönch und Benediktiner und Gründer der „Andechser Schule“. Wie kann eine fast 1500 Jahre alte, kirchliche Ordensregel als Leitbild für moderne Führung in der digitalen Transformation dienen?

Das Interview führte Markt&Technik, Corinne Schindlbeck mit Anselm Bilgri:

CAREERS LOUNGE präsentiert Gastbeiträge: Anselm Bilgri
Anselm Bilgri beim Interview

Markt&Technik: Herr Bilgri, mit welchen Fragen kommen Führungskräfte vor dem Hintergrund Industrie 4.0 und Digitalisierung auf Sie als Coach zu? Oder ist „Seelsorger“ der passendere Begriff für Ihr Wirken?

Anselm Bilgri: Beides verschwimmt manchmal. Denn viele Dinge haben vordergründig mit der Rolle als Führungskraft in Industrie 4.0 oder Digitalisierung zu tun. In Wahrheit aber geht es meist um mangelnde Balance zwischen Arbeit und Leben. Im Moment ist uns die Digitalisierung noch keine Hilfe. Eher im Gegenteil: Alle fühlen sich gehetzt, nicht zuletzt durch die Technik. Wir haben noch nicht gelernt, mit Smartphone und digitalen Medien optimal umzugehen, die uns eigentlich Zeit schenken sollen. Stattdessen versklaven wir uns selbst mit all den technischen Möglichkeiten.

Als Mensch in unseren modernen westlichen Gesellschaften leiden wir unter einem Gefühl des Getrieben-seins. Fragt man dazu Führungskräfte in allen Arten von Organisationen, äußern sie häufig, sie empfänden sich wie in einem Hamsterrad. Mit dem Unterschied, dass sie, anders als ein Hamster, nicht mehr fähig sind auszusteigen und von einer höheren Warte aus, also mit Abstand, auf sich selbst und ihre Arbeit einen kritischen Blick zu werfen. Sie „werden gelaufen“. Damit verbindet sich eine resignative Haltung des „immer weiter so“, mit der man in einer Art Tunnelblick nach vorne gerichtet auf das immer gleich weit entfernte Ziel starrt. Die Folge ist eine allmähliche Demotivation, eine Erstarrung in emotionaler Kälte, ein Nachlassen der Kreativität bis hin zu Burn-out-Syndromen.

Manche melden sich aus diesem Grund aus den sozialen Netzwerken wieder ab.

Es geht darum, das rechte Maß zu finden, übrigens auch eine Forderung der Benediktsregel. Ich selbst zum Beispiel bin auch auf Facebook und Twitter. Aber nur eine halbe Stunde am Tag, mehr nicht!

Das betrifft ja nicht nur Führungskräfte, sondern auch ganz normale Arbeitnehmer.

Dennoch sind wir hier bei der Kernfrage, die eine Führungskraft ausmacht: Wie kann ich zu mir selbst stehen und doch Verantwortung für andere übernehmen? Wie gehe ich verantwortungsvoll und voller Freude mit dem knappen Gut der gegebenen Zeit um? Wie kann ich die Fülle an Informationen, die täglich auf uns einprasselt, filtern und so Nützliches vom Überflüssigen unterscheiden? Wie gewinne ich Gelassenheit, da doch mein Leben von Hektik und Stress geprägt ist? Eine Antwort darauf liefert die Benediktsregel, deren Motto „ora et labora“ ist. Bete und arbeite. Auf heute übersetzt: Finde Balance zwischen Kontemplation und Arbeit.

Video

Sehen Sie auch das Video mit Anselm Bilgri in der CAREERS LOUNGE und erfahren Sie u.a. mehr über die Grundprinzipien guter Führung.

Sie waren Benediktiner und stehen mit der von Ihnen gegründeten „Andechser Schule“ für werteorientierte Unternehmensführung. Was ist die Benediktsregel?

Die Benediktsregel wurde im Jahr 529 vom heiligen Benedikt von Nursia verfasst und diente ursprünglich als Regularium für das Leben der Mönche im Kloster. Seit dem Mittelalter ist es Grundlage des Benediktiner-Ordens. Die Benediktiner hatten Einfluss auf unsere europäische Einstellung zum Leben und Arbeiten. Seitdem ist Arbeit ein positiver Wert. Vertrauen können ist das das A und O. Dann: Ehrlichkeit. Authentizität. Transparenz. Kommunikationsfähigkeit. Souveränität. Wer nicht gelernt hat, mit Menschen umzugehen, der überspielt das oft mit Härte! Ein aufgesetztes Durchsetzungsvermögen. Wenn ich souverän bin, höre ich mir Kritik an und überlege, wo sie richtig ist und wo nicht.

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Dann Gehorsam, das aufeinander hören. Horchen, hinhören. Ich höre mehr, als ich sehe. In der antiken Welt stand das Hören für „Offen sein“, für meine innere Stimme des Gewissens etwa. Dann Demut, die wichtigste Tugend für Benedikt. Auch der Abt sollte Führung als Dienst verstehen und von oben nach unten dienen. Daraus mein Grundansatz und wichtigster Wert: der Mensch ist immer Zweck, nicht Mittel zum Zweck. Die Wirtschaft muss immer dem Menschen dienen, nicht umgekehrt. Und damit auch den Kunden und den Mitarbeitern. Leider verlieren wir das heute leicht aus dem Blick. Mit dem Ergebnis, dass der Mensch plötzlich nur noch ein Rädchen im Getriebe des Ganzen ist. Und offensichtlich auch etwas, von dem man sich am ehesten trennt, wenn es mal brenzlig wird.

Aber Führungskräfte sind doch auch nur Teil dieses Systems. Wie können sie ausbrechen?

Das macht eine Führungskraft aus, dass sie die Spielräume die sie hat, erkennt und ausnutzt. Dann ist sie auch nicht getrieben. Entscheidungsfähigkeit, auch als Pflicht, kommt dazu. Und die Führungskräfte dürfen den Blick für den Menschen nicht verlieren im System, das sie am Laufen halten müssen. Erinnern wir uns: es geht gleichermaßen um Mitarbeiter, die Gesellschaft, um Kunden wie Lieferanten. Dann ist das System nachhaltig.

Interview

Lesen Sie auch das Exklusiv-Interview mit Anselm Bilgri in der CAREERS LOUNGE und erfahren Sie u.a. mehr über Herausforderungen in der Arbeitswelt.

Mit was für Sorgen und Nöten von Führungskräften bekommen Sie es denn aktuell zu tun?

Es geht viel um das Thema Zeit. Zeit zu haben, um über das, was man tut, auch nachzudenken. Bei vielen dominiert das Gefühl, ‚Ich bin nur noch am Laufen’. Führungskräfte müssen lernen, für sich selbst zu sorgen. Erst dann können sie auch gut für ihr Unternehmen und seine Mitarbeiter sorgen. So hat übrigens auch schon Peter Drucker gesagt: Am Ende hat eine Führungskraft nur einen einzigen Menschen zu führen, nämlich sich selbst. Hier sind wir beim Gebot der Nächstenliebe, auch in der Benediktsregel zu finden: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn ich nicht fähig bin, vernünftig und gut zu mir zu sein, meine Bedürfnisse nicht mehr spüre, kann ich es auch nicht meinem Mitarbeiter gegenüber sein. Viele bewegt auch die Frage, wie sie ihre Mitarbeiter im Unternehmen begeistern und mitziehen können, so dass der Funke überspringt.

Und wie lautet Ihr Rat? Nicht jeder ist in gleichem Maße motivierbar.

Die beste Motivation geht über Wertschätzung und Erfolgserlebnisse, die man zulässt. Führungskräfte müssen auch hier Zeit investieren. Wie sagte Benedikt: Die Aufgabe und Gabe des guten Abtes ist die der Unterscheidung: Ich muss die Mönche, respektive die Mitarbeiter, in ihrer Unterschiedlichkeit wahrnehmen.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Gastbeitrags

Zur Erstveröffentlichung

Interview: © Corinne Schindlbeck (Markt&Technik)

Foto (oben links): © Markt&Technik

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